Deutsch English

Gedanken zum Zeitgeist

Gedanken zum Geist der Zeit (1)

Gedanken zum Zeitvergehen
13.10.2021

In den Wochen der öffentlichen und privaten Bewegungseinschränkungen, die mit dem Infektionsschutzgesetz mehr schlecht als recht  von der staatlichen Gewalt begründet wurden – in diesen Wochen erlebe ich eine seltsame, aber mir doch nicht so ganz neue Zeiterfahrung.

In der Zeit vor den Einschränkungen  konnte ich viele den Geist beweglich und anregend haltende Begegnungen mit der Welt erleben: Freunde besuchen und mit ihnen über Politik, Kultur und private Beziehungen diskutieren, konnte politische Arbeitsgruppen besuchen, Vorträge über Literatur und Psychologie besuchen, konnte ins Theater und zu Konzerten gehen, in meinem Senioren-Chor mitsingen, ins Fitness-Center gehen, Kunstausstellungen besuchen, mit meiner Frau durch die City Münchens bummeln und im Restaurant essen, in Buchläden stöbern, kleine Reisen in Deutschland und Italien unternehmen und, und, und.
Das heißt nun nicht, dass ich früher täglich unterwegs war; auch vor der Krisenzeit war ich oft zu Hause beschäftigt.  Aber die Möglichkeit, jederzeit mich zu geistig und emotional anregenden Begegnungen außer Haus hinzubewegen, gab den Zeiten zu Haue den angenehmen Beigeschmack von Wahlfreiheit .


Dem ist nun seit einigen Wochen nicht mehr so. Zwar dürfen und können wir von dort, wo wir wohnen, allein oder zu zweit längere Sparziergänge  in der Umgebung machen, aber mit Freunden können wir nur telefonisch sprechen. Und diese Lebenssituation lässt mich eine eigenartige Zeiterfahrung machen.
Weil die abwechslungsreiche Welterfahrung nun fehlt, in der man sich selten der Zeiterfahrung bewusst wurde, spüre ich den täglichen Ablauf von sonst so nebenbei mitlaufenden Handlungen viel deutlicher: das tägliche Aufstehen, die Morgenwäsche, das Frühstück, Toilettengänge, das Sitzen am Schreibtisch und das Lesen und Schreiben, Musik hören, das Meditieren, das Kaffeetrinken und , und, und. Mir kommt es so vor, als würde die Zeit, da die Freiheitsbewegungen eingeschränkt sind, auf diese täglich sich wiederholenden Aktionen zusammenschrumpfen und sie dadurch viel deutlicher und gewichtiger hervortreten lassen, als sie sonst sind. Sie gewinnen zum einen Bedeutung an sich selber, und zu anderen wird ihr Kommen und Gehen bewusster wahrgenommen. Diese Zeit der Einschränkungen ermöglicht also nun die Erfahrung des Verrinnens der Zeit an sich.
Mich  beunruhigt diese Vergänglichkeitserfahrung, wenn die Tage, Nächte so schnell vorübergehen, weil mein Geist sich mit den Erlebnissen und Erfahrungen der weiten, vielgestaltigen, lebhaften irdischen Welt nicht mehr befassen kann.
Buddhisten würden sich über derartige Wahrnehmungen freuen und sagen: Nun, lieber Freund: Setz dich hin und meditiere darüber! Denn Leben ist Vergänglichkeit.
Also meditiere ich und dehne die Zeiten aus, die ich dafür täglich reserviere. Je mehr ich das aber tue, umso unheimlicher und merkwürdiger das Phänomen des Vorübergehens der Zeit, denn nun erfahre ich beim Meditieren, dass auch die Gedanken ständig kommen und gehen. An nichts kann man sich da festhalten.

So frage ich mich schließlich: Um des Himmels willen: Gibt es denn nicht mal die Zeit der Zeitlosigkeit, der Unvergänglichkeit? Denn mittlerweile treibt mich  diese dumme Sorge an, die Zeit sinnvoll und richtig zu nutzen. Vielleicht wäre es nicht unter den gegebenen Zeitumständen das Beste, wenn  diese Sorge dafür sorgte, dass sie den Zeittod stürbe?

Gedanken zum Geist der Zeit (2)

Wenn Freundschaften zu Ende gehen
16. 10. 2021

Jede Freundschaft hat eine eigene Geschichte. Einige bleiben eine sehr lange Zeit bestehen. Aber manche, von denen man glaubte, sie würden nie zu Ende gehen, sterben einen schleichenden Tod. Eine zu Ende gehende Freundschaft schmerzt. Mag sein, dass das nur einer der Freunde bemerkt und dem anderen gar nicht bewusst wird.

Es beginnt damit, dass die Zeitabstände des wechselseitigen Kontakts allmählich länger werden, ohne dass man einen Grund dafür erkennt. Man fühlt sich von einem Freund oder einer Freundin im Ungewissen gelassen. Bei einer wahren Freundschaft, in der man stets verbindlich und mitfühlend miteinander umgegangen ist, ist das nicht hinnehmbar. Zwar ist man eine Freundschaft aus freien Stücken eingegangen, auch wenn gegenseitige Sympathie und Gemeinsamkeiten der Weltanschauungen und Interessen am Anfang standen – aber die  freundschaftliche Verbindung bringt die Erfahrung wechselseitiger Verbindlichkeit mit sich. Man spürt das an der Wirkung auf die Seele, dass das Tun des einen das Tun des anderen ist, so wie Hegel es für die Dialektik der Liebe beschreibt. Indem ich den anderen in seinem Dasein wertschätze, schätze ich mich selber in meinem Dasein wert und umgekehrt. Das schließt natürlich wechselseitige Wertschätzung des Freiraums für Veränderung ein, auch der Freundschaft selber.

Ist man es einander schuldig, sich über diese Veränderungen auszutauschen? Ich meine ja, wenn es eine Freundschaft ist. Verändert sich der eine ohne den anderen dabei zu sehen,  fehlt es an Wertschätzung des anderen und ist verletzend. Aber, dialektisch wieder gesehen, ist das Übergehen oder die Missachtung des Freundes
oder der Freundin auch eine Selbstverletzung. Das eigene wahre Selbst, das zu einer aufrichtigen und mitfühlenden Freundschaf fähig war, verletzt man selbst, wenn man nur das Eigene sieht. Das ist ein Zeichen von Egoismus.
Zwar kann ich dem anderen nicht auferlegen und Schuldgefühle machen, um eine Freundschaft fortzusetzen, die der andere nicht mehr will – aber voneinander Abschied nehmen und dankbar für das gemeinsame Geteilte zu sein, das ist der Freundschaft würdig.