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Gedanken zum Zeitgeist

Gedanken zum Geist der Zeit (1)

Gedanken zum Zeitvergehen
13.10.2021

In den Wochen der öffentlichen und privaten Bewegungseinschränkungen, die mit dem Infektionsschutzgesetz mehr schlecht als recht  von der staatlichen Gewalt begründet wurden – in diesen Wochen erlebe ich eine seltsame, aber mir doch nicht so ganz neue Zeiterfahrung.

In der Zeit vor den Einschränkungen  konnte ich viele den Geist beweglich und anregend haltende Begegnungen mit der Welt erleben: Freunde besuchen und mit ihnen über Politik, Kultur und private Beziehungen diskutieren, konnte politische Arbeitsgruppen besuchen, Vorträge über Literatur und Psychologie besuchen, konnte ins Theater und zu Konzerten gehen, in meinem Senioren-Chor mitsingen, ins Fitness-Center gehen, Kunstausstellungen besuchen, mit meiner Frau durch die City Münchens bummeln und im Restaurant essen, in Buchläden stöbern, kleine Reisen in Deutschland und Italien unternehmen und, und, und.
Das heißt nun nicht, dass ich früher täglich unterwegs war; auch vor der Krisenzeit war ich oft zu Hause beschäftigt.  Aber die Möglichkeit, jederzeit mich zu geistig und emotional anregenden Begegnungen außer Haus hinzubewegen, gab den Zeiten zu Haue den angenehmen Beigeschmack von Wahlfreiheit .


Dem ist nun seit einigen Wochen nicht mehr so. Zwar dürfen und können wir von dort, wo wir wohnen, allein oder zu zweit längere Sparziergänge  in der Umgebung machen, aber mit Freunden können wir nur telefonisch sprechen. Und diese Lebenssituation lässt mich eine eigenartige Zeiterfahrung machen.
Weil die abwechslungsreiche Welterfahrung nun fehlt, in der man sich selten der Zeiterfahrung bewusst wurde, spüre ich den täglichen Ablauf von sonst so nebenbei mitlaufenden Handlungen viel deutlicher: das tägliche Aufstehen, die Morgenwäsche, das Frühstück, Toilettengänge, das Sitzen am Schreibtisch und das Lesen und Schreiben, Musik hören, das Meditieren, das Kaffeetrinken und , und, und. Mir kommt es so vor, als würde die Zeit, da die Freiheitsbewegungen eingeschränkt sind, auf diese täglich sich wiederholenden Aktionen zusammenschrumpfen und sie dadurch viel deutlicher und gewichtiger hervortreten lassen, als sie sonst sind. Sie gewinnen zum einen Bedeutung an sich selber, und zu anderen wird ihr Kommen und Gehen bewusster wahrgenommen. Diese Zeit der Einschränkungen ermöglicht also nun die Erfahrung des Verrinnens der Zeit an sich.
Mich  beunruhigt diese Vergänglichkeitserfahrung, wenn die Tage, Nächte so schnell vorübergehen, weil mein Geist sich mit den Erlebnissen und Erfahrungen der weiten, vielgestaltigen, lebhaften irdischen Welt nicht mehr befassen kann.
Buddhisten würden sich über derartige Wahrnehmungen freuen und sagen: Nun, lieber Freund: Setz dich hin und meditiere darüber! Denn Leben ist Vergänglichkeit.
Also meditiere ich und dehne die Zeiten aus, die ich dafür täglich reserviere. Je mehr ich das aber tue, umso unheimlicher und merkwürdiger das Phänomen des Vorübergehens der Zeit, denn nun erfahre ich beim Meditieren, dass auch die Gedanken ständig kommen und gehen. An nichts kann man sich da festhalten.

So frage ich mich schließlich: Um des Himmels willen: Gibt es denn nicht mal die Zeit der Zeitlosigkeit, der Unvergänglichkeit? Denn mittlerweile treibt mich  diese dumme Sorge an, die Zeit sinnvoll und richtig zu nutzen. Vielleicht wäre es nicht unter den gegebenen Zeitumständen das Beste, wenn  diese Sorge dafür sorgte, dass sie den Zeittod stürbe?

 

Gedanken zum Geist der Zeit (2)

Wenn Freundschaften zu Ende gehen
16. 10. 2021

Jede Freundschaft hat eine eigene Geschichte. Einige bleiben eine sehr lange Zeit bestehen. Aber manche, von denen man glaubte, sie würden nie zu Ende gehen, sterben einen schleichenden Tod. Eine zu Ende gehende Freundschaft schmerzt. Mag sein, dass das nur einer der Freunde bemerkt und dem anderen gar nicht bewusst wird.

Es beginnt damit, dass die Zeitabstände des wechselseitigen Kontakts allmählich länger werden, ohne dass man einen Grund dafür erkennt. Man fühlt sich von einem Freund oder einer Freundin im Ungewissen gelassen. Bei einer wahren Freundschaft, in der man stets verbindlich und mitfühlend miteinander umgegangen ist, ist das nicht hinnehmbar. Zwar ist man eine Freundschaft aus freien Stücken eingegangen, auch wenn gegenseitige Sympathie und Gemeinsamkeiten der Weltanschauungen und Interessen am Anfang standen – aber die  freundschaftliche Verbindung bringt die Erfahrung wechselseitiger Verbindlichkeit mit sich. Man spürt das an der Wirkung auf die Seele, dass das Tun des einen das Tun des anderen ist, so wie Hegel es für die Dialektik der Liebe beschreibt. Indem ich den anderen in seinem Dasein wertschätze, schätze ich mich selber in meinem Dasein wert und umgekehrt. Das schließt natürlich wechselseitige Wertschätzung des Freiraums für Veränderung ein, auch der Freundschaft selber.

Ist man es einander schuldig, sich über diese Veränderungen auszutauschen? Ich meine ja, wenn es eine Freundschaft ist. Verändert sich der eine ohne den anderen dabei zu sehen,  fehlt es an Wertschätzung des anderen und ist verletzend. Aber, dialektisch wieder gesehen, ist das Übergehen oder die Missachtung des Freundes
oder der Freundin auch eine Selbstverletzung. Das eigene wahre Selbst, das zu einer aufrichtigen und mitfühlenden Freundschaf fähig war, verletzt man selbst, wenn man nur das Eigene sieht. Das ist ein Zeichen von Egoismus.
Zwar kann ich dem anderen nicht auferlegen und Schuldgefühle machen, um eine Freundschaft fortzusetzen, die der andere nicht mehr will – aber voneinander Abschied nehmen und dankbar für das gemeinsame Geteilte zu sein, das ist der Freundschaft würdig.

 

Gedanken zum Geist der Zeit (3)

Zu Tolstois Roman „Auferstehung“
01.11.2021

Entgegen dem sonstigen Feingefühl, mit dem Tolstoi die inneren Vorgänge in den Liebenden Maslowa und Nedljudow  erzählt, bleibt er merkwürdig flach, als es zum Abschied der beiden am Ende des Romans kommt. Man erfährt kaum etwas, was im Innern der Maslowa vorgeht, so dass nicht klar wird, warum sie eine Heirat mit Nedljudow ablehnt und sich für den Mitgefangenen entscheidet. Dass diese Entscheidung für Nedljudow, auf der er sein Leben bis dahin ausgerichtet hat, schmerzlich ist, hätte der Autor  tiefer erzählen können, so wie er es in früheren Abschnitten des Romans getan hat.
Die religiöse, spirituelle Wendung in der Seele Nedljudows wirkt etwas gewollt. Es bleibt mit den Zitaten aus der Bergpredigt nur angedeutet, worin dieser Ausweg aus den Dilemmata des weltlichen Gesellschaftssystems  für Nedljudow besteht.  Es bleibt auch offen, wie das Leben beider, der Maslowa und Nedljudows weitergeht. Ein Folgeroman war von Tolstoi nicht geplant.

Während ich die Schilderungen über die Zustände in den russischen Gefängnissen und während der Gefangenentransporte nach Sibirien las, dachte ich an ähnlich schlimme Verhältnisse in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und in Libyen. Die Lebensstile der politisch-bürokratischen Eliten in Europa und ihrer subaltern Zuarbeiter zeigen gewisse ähnliche narzisstische Züge wie die russische Oberschicht zur Zeit Tolstois.
Insofern ist der Roman eine große Parabel der Unmoral und der Gottesferne der Menschen aber auch der „Auferstehung“  zum Guten.

Indem sich der Erzähler dem von der russischen Feudalaristokratie verachteten und entwürdigten Volk zuwendet und sich den elenden Lebensverhältnissen von Einzelnen genauer widmet, gibt er ihnen die Würde zurück. Er nimmt sich inmitten des Massenelends  einzelner  der von der  Justiz kriminalisierten  und entrechteten Opfer an.  Dadurch trägt er sein Schuldgefühl ab, das nicht nur durch den Missbrauch der Liebe zur Maslowa entstanden ist, sondern auch durch seine Beteiligung an der Ausbeutung der Knechte und Dienstmägde als Großgrundbesitzer.
Zwar erleben wir durch die Brille Nedljudows, wie korrupt und selbstsüchtig die Oberschicht in jenem Staat lebt, die Generäle, die Richter, die Staatanwälte, die Gouverneure und ihre Familien. Und dennoch werden sie nicht in Bausch und Bogen verurteilt; denn es gibt unter ihnen immer wieder Charaktere, die zu Mitmenschlichkeit fähig sind. Auch das große Heer der subalternen Dienstklasse mit ihren Lakaien, Gefängnisbeamten,   Wachleuten etc. lernt Nedljudow kennen. Sie setzen nicht nur das unmenschliche Desinteresse der Herrschenden um, sondern pervertieren es nochmals durch persönliche Grausamkeiten.

Und merkwürdig: immer wieder zeigen sich an den dunkelsten Ecken des Riesenreichs lichte Ort der Liebe, der Güte, des Mitgefühls und der Vergebung – nicht zuletzt im Wesen der Maslowa und Nedljudows.

 

Gedanken zum Geist der Zeit  (4)

ERICA CHENOWETH:

CIVIL RESISTANCE
What Everyone Needs To Know

Oxford University Press, New York 2021
ISBN: 135798642               
               

Besprechung von Joachim Vieregge
(November 2021)

Erica Chenoweth hat eine Berthold Beitz Professur in Human Rights & International Affairs an der Harvard Kennedy School of Government. Im Bereich Außenpolitik zählt Chenoweth 2013 zu den Top 100 Global Thinkers  „for proving Ghandi right“. Chenoweth gewann2014 auch den Karl Deutsch Award, der jährlich von der International Studies Association für Studierende unter 40 Jahren vergeben wird, die die bedeutendste Wirkung auf dem Gebiet der Politik und der Friedensforschung hatten. Chenoweth ist Ko-Autorin von „Why Civil Resistance Works“ , das den American Political Science Association`s Woodrow Wilson Preis gewann, der angesehendste Preis auf diesem Gebiet.

Chenoweth und Mitarbeiter haben die Daten von insgesamt 627 revolutionären Kampagnen aus aller Welt im Zeitraum von 1900 bis 2019 untersucht und wissenschaftlich ihre Entstehungsgründe,  Taktiken, Organisationsstrukturen und Ergebnisse aufgearbeitet. Wider allgemein verbreiteter Erwartung ist der Hauptbefund, dass 50 % aller gewaltlosen Revolutionen erfolgreich verliefen, aber nur 26 % aller gewaltsamen.  

Das Anliegen des Buches ist es, darüber aufzuklären, wie gewaltloser Widerstand aufgebaut sein muss, um erfolgreich zu sein und das Leiden von Menschen unter einem autoritären System zu beenden.
Chenoweth definiert eingangs zivilen Widerstand folgendermaßen: „Ziviler Widerstand ist eine Form kollektiver Aktionen, die auf den politischen, sozialen oder ökonomischen Status quo einwirkt, ohne Gewalt oder die Androhung von Gewalt gegen Menschen zu benutzen. Er ist organisiert, öffentlich und ausdrücklich gewaltlos in seinen Mitteln und Zielen.“ (S. 1) Und weiter sagt sie, er sei „eine aktive Konflikt-Methode, bei der unbewaffnete Menschen eine Vielfalt koordinierter, nicht-institutionalisierter Methoden – Streiks, Protest, Demonstrationen, Boycotts, Aufbau alternativer Einrichtungen und viele andere Taktiken -  benutzen, um einen Wandel herbeizuführen und ohne den Gegner zu verletzen oder damit zu drohen.“ (S. 2)

Einfacher Protest auf der Straße ist noch kein ziviler Widerstand. Ziviler Widerstand  sei ausgesprochen ungehorsam und handle außerhalb der bestehenden Institutionen, Gesetze und Systeme, die weitgehend als illegitim und unrechtmäßig angesehen werden. (S. 3ff) Zu den Widerstandsformen gehören illegale Demonstrationen, Streiks, Arbeitsverweigerung, Verweigerung von Steuerzahlungen, Blockaden von Banken, Boycotts von Produkten und Besetzungen der Büros von Politikern – alle außerhalb eines Herrschaftssystems stehende Widerstandsformen, mit denen eine Bewegung  für ihre politischen, sozialen, ökonomischen und moralischen Forderungen gegenüber Gesetzlosigkeiten und Misshandlungen eines herrschenden Status quo eintritt.

Auf der Grundlage einer Shortliste von Beispielen gewaltloser Widerstandsbewegungen und ihrer Methoden von der Antike bis heute, kann man ableiten, dass für den Erfolg einer gewaltlosen Kampagne wesentlich ist, ob sie die „Stützen einer Gesellschaft“ („pillars of support“) auf ihre Seite gezogen hat. Zu diesen Subsystemen gehören z.B.: die Sicherheitskräfte (militärisch/paramilitärisch/Polizei), die wirtschaftlichen Eliten; Handelsgesellschaften, Lobbyisten; die Bürokratie (öffentlicher und diplomatischer Dienst); die Medien; religiöse Autoritäten; Bildungseinrichtungen; Influenzer im Kulturbereich; Gewerkschaften; Rechtsanwaltskammern; Stiftungen.
Alle Analysen von erfolgreichem zivilem Widerstand, die Chenoweth zitiert (z.B. von Martin Luther King und Maciej Bartkowski)  stimmen überein, dass er strategisch geplant und vorbereitet werden muss, ehe man Menschen mobilisiert. Die Autorin erläutert ausführlich dazu vier Hauptfaktoren: eine breite Teilnehmerbasis; den Absprung der Loyalität zu den bisherigen Systemunterstützern; taktische Innovationen; die Beibehaltung des Widerstands bei anhaltender Repression. (S. 82ff.) Ging es Bewegungen um den Umsturz einer nationalen Regierung, so waren sie erfolgreich, wenn 10 % der Bevölkerung an ihnen teilnahmen. Ging es den Kampagnen um das Erreichen nur eines, aber das System veränderndes Ziel, waren im Durchschnitt 3,5 % der Bevölkerung dauerhaft  Unterstützer der Bewegung. Chenoweth schlägt die Faustregel „Masse der Teilnehmer multipiziert mit der Geschwindigkeit der Aktionen“ für den Erfolg einer Bewegung vor.

Ich möchte hier angesichts der aktuellen Gewaltsysteme in Ägypten, Weißrußland, Türkei,  Myanmar und nun auch wieder im Sudan noch auf die Rolle der Sicherheitskräfte in diesen Ländern hinweisen.
 Bei Widerstand gegen die Systeme zeigt sich, dass das Militär stets eigene Interessen hat, und dass diese, wenn man sie in die strategische Planung nicht einbezieht, die gewaltlose Kampagne unterlaufen, oder eine Konterrevolution gewaltsam beginnen.  Die militärischen Eliten sind oft an Wirtschaftsunternehmen beteiligt, z.B. in Ägypten. Sie lassen sich eher für die Widerstandsbewegungen gewinnen, wenn es ethnische oder soziale (familiäre) Bindungen mit den Protestierenden gibt oder wenn die Vorgesetzten sie unfair behandelt haben, oder wenn es Konkurrenzen unter den Einheiten gibt,  oder wenn die Soldaten schlecht bezahlt wurden.

Natürlich diskutiert Chenoweth auch das Verhältnis von gewalttätigem zu gewaltlosem Widerstand. (S. 148ff) Immer wieder kommt es bei gewaltlosen Bewegungen vor, dass  Randgruppen gewalttätige Ausschreitungen ausüben. Eine Datenanalyse für die Zeit von 1945 bis 2013 ergab, dass bei mehr als 80 % der großen Massenbewegungen, die eine Diktatur stürzen wollten, es am Rande der Demonstrationen nur einen geringen Anteil von gewalttätigen Auseinandersetzungen (Straßenkämpfe z.B.) gab. Aber etwa 20 % der gewaltlosen Bewegungen vermieden konsequent Gewalt gegen Personen und gegen Sachen. Genannt werden dazu die Kampagnen in Honduras 1944, CSSR 1989, Mongolei 1989, Georgien 2003, Thailand 2005 und 2013, Togo 2012 und andere. Die Daten würden auch zeigen, dass von 384 gewaltlosen Widerstandsbewegungen, die auf einen Regierungsumsturz zielten, nur 13 % in bewaffnete Konflikte mündeten. Bei Bürgerkriegen ist das anders: nur 6,2 % von ihnen waren in der Anfangsphase gewaltlose Bewegungen (Beispiel: Algerien 1954).
Bedeutend ist auch der Befund, dass autoritäre Systeme (Bsp.: Syrien) wissen, dass friedliche Massenbewegungen sie mehr gefährden als gewalttätige Aktionen. Gewalt auf Seiten der Bewegung legitimiert das gewalttätige Vorgehen der Regierung gegen die gesamte Bewegung. Deshalb schleusen autoritäre Systeme auch oft  auch „agents provocateurs“ in die Reihen der Menschenrechts- und Friedensbewegungen, um sie zu Gewalttätigkeiten zu verleiten, damit die Sicherheitskräfte einen Vorwand gegenüber der Öffentlichkeit haben, mit unverhältnismäßiger Gewalt zurückzuschlagen. Gewalt am Rande der Kampagnen spielen den Regierenden in die Hände und schwächen die Solidarität weiter Teile der Bevölkerung mit der Bewegung.
Man fand auch heraus, dass nach gewaltlosen Aufständen die Gräueltaten und Morde der Regierungen weniger häufig auftreten, als wenn es gewaltsame Bewegungen gegeben hat. Die internationale Gemeinschaft (UNO) ist nur selten direkt militärisch eingeschritten, um solche Gräueltaten zu verhindern (Beispiel: Ost-Timor 1999)
Letztlich stehen die Organisatoren der Bewegungen vor der schwierigen Aufgabe, Gewalt in ihren Reihen zu verhindern.

Im 4. Kapitel(S. 182ff)  befasst sich das Buch mit dem Problem, wie ziviler Widerstand auf die Gewalt und Unterdrückung reagieren kann. Dabei wird untersucht, wie riskant ziviler Widerstand ist und wie er seine Taktik den staatlichen Repressionen anpassen kann. Dabei gibt es kein einheitliches Bild, denn jede Bewegung trifft auf spezifische Situationen. Besonders sympathisch empfand ich die Diskussion , wie eine Bewegung mit der Angst der Teilnehmer umgeht. Musik, Tanzen, Clownerie und Straßentheater helfen, mutig zu sein. Man denke an das berühmte Living Theater aus New York. Chenoweth erwähnt Trainingsgruppen, welche die Teilnehmer psychologisch, gruppendynamisch und spirituell auf die Ziele, Taktiken und Gefahrensituationen während der Aktionen vorbereiten.

Im 5. Und letzten Kapitel untersucht das Buch die Zukunft des zivilen Widerstands. In den Statistiken zeigt sich nach 2010 ein Rückgang von erfolgreichen Widerstandsbewegungen. Viele herrschende politische Systeme sind gegenüber Bewegungen von unten widerstandsfähiger geworden. Sie haben ihre Methoden verfeinert, mit denen sie die Bewegungen schon in deren Anfangsstadium infiltrieren, indem sie vor allem die Überwachung der digitalen Kommunikation in der Bevölkerung  perfektionieren und  über Fake-Infos die Bewegungen verwirren. Es gibt noch eine ganze Reihe von destruktiv wirkenden Taktiken der Regierungen gegenüber den zivilen Widerstandsbewegungen. (S. 227ff.)  Ich nenne hier nur die Bewertung der Bewegung und einzelner führender Köpfe als vom Ausland gesteuert oder sie seien Terroristen. Dabei verstärken sie in der Bevölkerung Ängste und schon vorhandene alte Vorurteile. Unter den „Stützen der Gesellschaft“ erweisen sich die öffentlichen Medien dabei als Helfer.  Ausländische Medienvertreter und NGOs werden von den Orten der Konflikte ferngehalten (Bsp. Israel-Palästina). Auch die Bewegungen selber hätten sich verändert. Sie seien der Quantität nach kleiner geworden und sie würden sich zu sehr nur auf Massendemonstrationen verlassen und die Taktiken der Nicht-Kooperation vernachlässigen. Die Verwendung digitaler Medien bei der Organisation von Widerstand würden außerdem die Armen der Gesellschaft ausschließen, die über die Technologien nicht verfügen.
Trotzdem, so Chenoweth, seien plötzlich sich formierende Widerstandsbewegungen unter erschwerten Bedingungen nicht ausgeschlossen, wie Beispiele in Polen, Brasilien, Indien oder unter Trump in den USA zeigen. Die Organisatoren der Bewegungen setzen ihrerseits auf „smart anti-repession“-Methoden, wie z. B. nicht so spektakuläre Formen zivilen Ungehorsams (Beispiel: Ägypten). Außerdem bleibe es im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft, wenn sie eine Widerstandsbewegung einmal zustande brachten, die immerhin einen Bürgerkrieg verhindert habe. Wo aber die Verwüstungen in einem Land (wie z.B. derzeit in Äthiopien)  total sind, da ist die Aussicht auf Demokratie Null.

„Wie haben sich die Bewegungen selber auf die Übergänge vorbereitet, nachdem sie einen erfolgreichen Durchbruch erreicht haben?“ fragt Chenoweth gegen Ende ihrer Analysen.  Mich erinnert diese Frage an das Buch von Gene Sharp „Von der Diktatur zur Demokratie“ (engl. 1993), der zivile Widerstandsbewegungen im Nahost, Fernost und auf dem Baltikum untersucht hat. Sharp betont wie auch Chenoweth, wie notwendig es sei, dass eine Bewegung schon während ihrer Aktivitäten eine Platform von demokratischen Einrichtungen, alternativ zum bestehenden antidemokratischen System, aufbauen müsse. So werde ein Machtvakuum vermieden, in das alte, nicht demontierte Stützen der Gesellschaft hineindrängen. Es brauche fast eine Generation, um neue demokratische Tugenden, unabhängige Einrichtungen, Gewaltenteilung, die Reform der Sicherheitskräfte und eine Verfassung aufzubauen, die gleiche Rechte für alle gewährt und schützt. (S. 243). Als Beispiel wird die Solidarnosc-Bewegung in Polen genannt. Aber selbst dann gibt es keine Sicherheit, dass eine Folgegeneration die Erfolge nicht wieder verspielt.

Am Ende ihrer Arbeit nennt  Erica Chenoweth fünf Dinge, die jeder über zivilen Widerstand wissen sollte. Ich fasse sie sinngemäß zusammen:
Ziviler Widerstand ist „eine realistische und effektivere Alternative zum gewaltsamen Widerstand….“
Er ermöglicht die Aufweichung der Unterstützersysteme der Gegner.
Er entwickelt Formen demokratischen Umgangs miteinander, die den Menschen einen Vorgeschmack dafür geben, wie ein Leben in Freiheit und Demokratie sein könnte.
Er war über die vergangenen hundert Jahre effektiver als der gewaltsame Widerstand und hat auch keine humanitären Krisen mit sich gebracht.
Er ist nicht immer erfolgreich, aber er ist wirksamer als es seine Verleumder wahrhaben wollen.

Dies Buch füllt die Wissenslücke über den Wert des zivilen Widerstands für eine zivilisierte Weltbürgerschaft.
Darüber zu informieren liegt nicht im Interesse von Regierungen und auch nicht der Massenmedien. Sie propagieren lieber Gewalt bei der Durchsetzung ihrer Interesse, auch gegen gewaltlosen zivilen Widerstand.

 

Gedanken zur Zeit (5)

Monique Levi-Strauss: Im Rachen des Wolfs. Meine Jugend in Nazi-Deutschland. Darmstadt 2021

Eine Buchbesprechung

Die folgende Inhaltsskizze entnehme ich dem Text auf der Rückseite des Buchumschlags: „Als jüdisches Mädchen macht Monique in Nazi-Deutschland Abitur. Sie war als 13-jährige mit ihren belgisch-amerikanischen Eltern in die Höhle des Löwen gekommen. Es gelingt ihr sogar, ein Medizinstudium zu beginnen. Kurz vor dem Kriegsende ermöglichen amerikanische Offiziere der Familie die Flucht in die USA. 1947 kehrt Monique schließlich nach Frankreich zurück, wo sie den Weg um den Intellektuellenzirkel um Jacques Lacan, die Schauspielerin Sylvia Bataille und den Maler Andre Masson findet“
Dort Lernt sie auch den späteren Anthropologen Claude Levy-Strauss kennen und heiratet ihn.

Das Buch beginnt mit der Beschreibung eines vielfältig vernetzten Familiensystems, das sich über Belgien, die USA, England und Frankreich erstreckt. Monique wächst in einem katholisch-jüdischen Elternhaus auf. Väterlicherseits stammt die Familie aus dem katholischen Belgien; mütterlicherseits stammt sie aus einer amerikanisch-jüdischen Familie, die sich durch Heirat vor allem in und um Paris etabliert. Die wohlhabende große Familie bietet der jungen Monique zu Beginn der Zeit von 1936 bis 1947 Geborgenheit, Schutz und eine freie Entfaltung ihrer intellektuellen Fähigkeiten.
Das Faszinierende an der Lebensbeschreibung ist, wie Monique die ständigen Orts- und Schulwechsel anfangs in Frankreich und später in Belgien und Deutschland mutig und selbstbewusst bewältigt. Trotz es vehementen Widerstands von Seiten seiner jüdischen Ehefrau und der Tochter Monique war der Vater mit der Familie ins Ruhrgebiet gezogen, wo er eine Stelle als Ingenieur bekommen hatte. Wegen der Bombenabwürfe der englischen Alliierten war die Familie gezwungen, in  die engen Verhältnisse bei einer deutschen Familie umzuziehen.
Man fragt sich bei der Lektüre, wie es sein konnte, dass diese jüdisch-katholische Familie nie von Deutschen denunziert wurde. Natürlich verhielt sie sich vorsichtig und verbarg ihre jüdische Herkunft. Außerdem sprachen die Eltern, Monique und ihr Bruder gutes Deutsch und hatten belgisch-amerikanische Pässe. Monique beeindruckte die Lehrer durch ihre Sprachbegabung, ihren Bildungshunger und die guten Noten auch in Mathematik, die sie vor allem der Nachhilfe ihres Vaters verdankte. Während dieser chaotischen Zeiten fand die Mutter stets Wege, die Familie mit dem Allernötigsten zum Essen zu versorgen und sogar inmitten des Krieges mit Monique im Zug nach Berlin zu fahren, um für die Tochter die ministerielle Zulassung zum Medizinstudium in Düsseldorf zu erhalten.
Trotz aller Widrigkeiten und Ängste hatte Monique einen Blick für die Schönheiten der Natur, der Kunst, der Bauwerke und Orte. Sie schloss Freundschaften mit deutschen Mitschülern und Studentinnen und bekam das Wohlwollen ihrer Lehrer. Aber eine „Heldin“, wie im Nachwort zu diesem Buch gesagt, war sie nicht. Vielleicht gibt eine Aussage von ihr Antwort auf die Frage, warum sie und ihre Familie mit dem Leben in dieser Zeit davonkam: „Aber gegen den einzelnen Deutschen empfand mein Vater keinen Hass, auch meine Mutter, mein Bruder und ich nicht. Auch die Deutschen uns gegenüber nicht.“ (S. 53)

Das Beeindruckendste an diesem Buch ist für mich, dass Monique Levy-Strauss die schrecklichen Situationen in einem sachlichen, fast unterkühlten und nüchternen Stil erzählt. Besonders die Schilderung der medizinischen Versorgung der Bombenopfer vom KZ Buchenwald wird undramatisch erzählt und wirkt gerade dadurch so grauenvoll. Monique enthält sich aller moralischer Verurteilungen der Menschen an dieser Stelle wie auch im ganzen Buch; aber natürlich wünscht sie sich nichts sehnlicher als die Niederlage Hitlers. Der sachliche Erzählstil ist auch dem langen zeitlichen Abstand  von dem Erlebten geschuldet. So wirkt die Erinnerung an das Familienschicksal wie ein objektives Dokument.
Zum Schluss erfährt man einen  Einblick in die intellektuelle Gesellschaft der Künstler und Wissenschaftler, in die Monique in Paris nach dem Krieg gerät.